Stefan Kühteubl

Stefan Kühteubl, Partner, Schönherr Rechtsanwälte

Was verändert der Brexit für österreichische Unternehmen, die Geschäfte mit Großbritannien unterhalten?

Derzeit ist die Lage noch sehr unklar, weil die Briten noch kein formelles Austrittsgesuch gestellt haben. Wir wissen also nicht, was sie wollen. Im EU-Binnenmarkt, aber auch im EWR-Raum, zu dem beispielsweise Norwegen gehört, gilt bekanntlich die Verkehrsfreiheit bezogen auf Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen. Wenn die Briten ein Modell à la Norwegen anstreben, wird sich für die Unternehmen nicht viel ändern. Wenn Großbritannien aber einen Sonderweg beschreiten möchte, liegt die Bandbreite der Möglichkeiten zwischen 0 und 100.

Was raten Sie HR-Verantwortlichen von Unternehmen, die Standorte in Großbritannien haben?

Sie sollten zunächst einmal versuchen, ihre Mitarbeiter in Großbritannien zu beruhigen. Denn in den nächsten ein bis zwei Jahren wird sich nach der geltenden Rechtslage ohnehin nichts ändern. Das Austrittsverfahren dauert zwei Jahre von der Abgabe des Austrittsgesuchs bis zur Wirksamkeit. Viele Expats sind nur für zwei oder drei Jahre entsendet, sie betrifft das ohnehin nicht so. Aber auch für Mitarbeiter, die sich eine Existenz in Großbritannien aufgebaut haben, gilt: Erst einmal abwarten, was die Austrittsverhandlungen bringen.

Welche Prognose würden Sie abgeben?

Da solche Verhandlungen noch nie geführt wurden, ist es sehr schwer, ihren Ausgang zu prognostizieren. Die Briten würden allerdings gegen ihre eigenen Interessen handeln, wenn sie alle Brücken zur EU abbrechen. Die große Frage ist aber aktuell ja nicht nur, was die Austrittsverhandlungen mit Großbritannien bringen, sondern wohin sich Europa insgesamt entwickelt. Die EU-Kritiker sind aktuell ja nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland, Österreich und Frankreich sehr stark. Hätten wir in all diesen Ländern EU-kritische Regierungen, wäre das tatsächlich beunruhigend. Österreich beispielsweise hat von der EU sehr stark profitiert – auch bezogen auf die Arbeitsplätze. Wir beschäftigen 600 Mitarbeiter in 14 Ländern. Ohne die EU gäbe es Schönherr in dieser Form nicht.

(Aus Ausgabe 5 2016)