Christine Zulehner, Professorin für Wirtschaftspolitik, Universität Wien und Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo)

Wie haben sich die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Die Unterschiede sind zwischen 2007 und 2015 zwar schwankend, aber insgesamt stetig kleiner geworden. Die Differenz beim Bruttostundenlohn sank von 20,2 auf 15,6 Prozent. Auffällig ist, dass der unerklärte Anteil der Lohndifferenzen stärker abnimmt. Also tragen jene Unterschiede, die sich nicht durch Schulbildung, Berufserfahrung oder Branchenzugehörigkeit erklären lassen, besonders dazu bei, dass die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sinken. 

Woran liegt es dann, dass die Lohnunterschiede sinken?

Wir machen – auch mit Blick auf andere Studienergebnisse – zwei mögliche Gründe aus: Eine Erklärung ist, dass Frauen zunehmend Lohnerhöhungen nachfragen. Eine weitere Erklärung geht dahin, dass Unternehmen in Zeiten der Krise weniger variable Gehaltskomponenten auszahlen. Durch die schlechte Konjunktur in Folge der Wirtschaftskrise 2008 könnten Unternehmen auf sachlich nicht gerechtfertigte Lohnunterschiede verzichtet haben, wovon Männer stärker betroffen waren als Frauen.   

Österreich gehört dennoch EU-weit zu den Schlusslichtern der Lohngerechtigkeit. Inwiefern sind die Arbeitgeber gefragt? 

Sie können Lohntransparenz schaffen und definieren, an welchen Kriterien sich Lohnerhöhungen orientieren müssen. Möglicherweise können sie sogar Trainings anbieten, die vermitteln, wie Lohnverhandlungen ablaufen sollten. Da Frauen familienbedingt häufiger als Männer Teilzeit arbeiten und weniger oft Überstunden machen, wäre es für sie gerechter, wenn Unternehmen die Entlohnung stärker an die Ergebnisse und weniger an die Anwesenheitszeit koppeln. Positiv wäre auch, wenn Betriebe Väter ermutigen, in Elternkarenz zu gehen und einen Part der Kinderbetreuung zu übernehmen. Denn ein Teil der geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede geht auch auf Kinder zurück, betrifft also überwiegend die Mütter.  

(aus Ausgabe 1/2018)