Javascript ist deaktiviert. Dadurch ist die Funktionalität der Website stark eingeschränkt.
SHARE

Von der Komplexität in das Chaos

Interview mit Nils Müller

Nils Müller

Nils Müller ist Trend- und Zukunftsforscher. 2002 gründete er das Unternehmen TRENDONE, mit dem er Unternehmen in Sachen Trends und Innovation berät. Über das internationale Netzwerk „LaFutura“ vernetzt er Zukunftsforscher aus vielen Ländern der Welt.

Herr Müller, wir leben in sehr turbulenten Zeiten. Ist die Zukunftsforschung durch die Corona-Pandemie schwieriger geworden?
Sie ist einerseits wichtiger geworden, weil viele nach Orientierung suchen. Andererseits ist sie schwieriger geworden, weil wir gerade von der Komplexität in das Chaos übergehen. Das Chaos entsteht durch die hohe Dynamik in verschiedenen Einflusssphären der Zukunft. Darunter sind technologische Entwicklungen, aber auch politische, gesellschaftliche und ökonomische. Diese vier Sphären drehen sich momentan sehr schnell und sind miteinander in Interaktion. Dadurch ist unsere aktuelle Welt nicht nur komplex, sondern auch chaotisch.

Unternehmen fahren dementsprechend eher auf Sicht. Mit welchen Szenarien sollten sie rechnen?
Es ist wichtig, dass Unternehmen überhaupt mit Szenarien arbeiten. Bis in den Sommer hinein haben das aus meiner Sicht die wenigsten getan. Aber der Ruf danach kommt langsam. Berücksichtigen sollten Unternehmen in ihren Planungen vier Herausforderungen, die wie Wellen über uns hereinbrechen. Da ist zunächst die Corona-Pandemie, die vieles verändert hat, das jetzt zum „New Normal“ wird, wie die Ausweitung von Homeoffice. Auf die Pandemie folgte in einer zweiten Welle die ökonomische Depression, die wir aktuell erleben.

Die dritte, noch größere Herausforderung, die auf uns zurollt, ist der Klimawandel, gefolgt von der Biodiversität. Die Masse an Insekten hat in den vergangenen 40 Jahren um 60 Prozent abgenommen. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Vögel halbiert. Wir erleben Hitzewellen, und das Leben unter Wasser ist stark gefährdet durch Plastik im Ozean, Temperaturschwankungen und Überfischung. Wenn es nicht mehr genug Grundlage zum Fischen gibt, hat das wiederum massive Auswirkungen auf Migration. All diese Faktoren gilt es zu berücksichtigen.

Wie entwickelt sich das Bewusstsein in den Unternehmen für den Klima- und Umweltschutz?
In der Klimafrage sind sich alle einig. Nachhaltigkeit ist bei den Unternehmen ganz weit vorne in der Strategie – und zwar unabhängig von den Branchen. Das war vor fünf Jahren noch ganz anders.

Hat das auch Auswirkungen auf die jobbezogene Mobilität?
Absolut. 2019 war das letzte Jahr mit der alten Mobilität. Die neue Mobilität ist nachhaltiger, intelligenter und modaler. Wir wechseln häufiger zwischen Verkehrsträgern und nutzen mehr Fahrräder, E-Scooter oder umweltfreundliche Fahrservices. Dadurch gibt es ganz neue Geschäftsmodelle. Früher haben Mobilitätsanbieter 80 Prozent ihres Umsatzes mit Autos, Bussen und Trucks gemacht. In Zukunft machen sie 80 Prozent mit Services.

In den vergangenen Monaten wurde Arbeit vielfach ins Homeoffice verlegt, und Dienstreisen wurden abgesagt. Was davon wird bleiben?
Aktuell gibt es Veränderungen in drei Sphären. Die eine ist der Arbeitsort, der sich komplett neu definiert – bis dahin, dass Unternehmen gar keinen Campus mehr haben, sondern entweder komplett remote arbeiten oder Co-Working-Spaces für die Mitarbeiter anmieten. Die zweite Veränderung betrifft die Art, wie wir arbeiten: In Zukunft werden Workshops und Besprechungen virtuell oder hybrid sein. Es wird nicht mehr funktionieren, dass alle für ein Treffen nach Salzburg oder Berlin fahren müssen.
 
Die dritte Sphäre ist die Führung. Leadership definiert sich gerade neu. Es geht zunehmend darum, Mitarbeiter zu unterstützen und ihnen zu geben, was sie für die Arbeit brauchen. Augenhöhe ist das große neue Paradigma in der virtuellen Organisation, in der jeder mit jedem zusammenarbeiten kann. Und das gilt nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern das funktioniert auch über Unternehmensgrenzen hinaus. Open Innovation und Co-Creation werden wichtiger.
 
Inwieweit werden Robotik und künstliche Intelligenz Einzug in die Arbeitswelt halten und wie entwickelt sich das Verhältnis von Mensch und Maschine?
Derzeit haben wir es immer noch mit „artificial narrow intelligence“ zu tun. Die KI kommt an die menschliche Intelligenz noch nicht heran, ist aber eine gute Ergänzung. Sie kann zum Beispiel große Datenmengen analysieren, Gesichter erkennen, Sprache in Echtzeit übersetzen oder Börsengeschäfte erledigen. Doch sie kann vieles noch nicht, was der Mensch gut kann. Sie ist nicht kreativ, kann keine komplexen Probleme lösen oder andere inspirieren und führen. Ihr fehlt es an Imagination und Emotionalität und sie kann nicht verhandeln. Das wird bis circa 2030 auch so bleiben. Aber es zeichnet sich schon der nächste Entwicklungssprung ab. Quantencomputer werden das menschliche Gehirn besser abbilden können. Dadurch kann eine neue Form der Intelligenz entstehen – und wir können davon ausgehen, dass diese Systeme in den nächsten zehn Jahren marktfähig sein werden.

Interview: Bettina Geuenich

Dieser Artikel stammt aus der Fachzeitschrift personal manager Ausgabe 6/20 mit dem Schwerpunktthema: Wie Begeisterung im Job entsteht

Anzeigen

TALENTpro Online Fokus Konferenz
TALENTpro
L&Dpro
HRM Institute

HRM Institute GmbH & Co. KG
Rheinkaistraße 2
68159 Mannheim
T +49 621 40166-0
info@hrm.de
institute.hrm.de

© HRM Institute GmbH & Co. KG 2021, all rights reserved

HRM-Wissen Newsletter - gleich anmelden!

Aktuelle Fachartikel, Checklisten, Interviews, HR-Job- & Event-Vorschläge zu Ihren HR-Themen erhalten.