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Wo werden wir arbeiten? Vom „Hoffice“ zu neuen Bürokonzepten

Interview mit: Oona Horx-Strathern

Wo werden wir arbeiten?
© Klaus Vyhnalek, www.vyhnalek.com

Nach zwei Jahren Pandemie haben sich viele Menschen an die Freiheiten gewöhnt, die Remote Work mit sich bringt. „Hybrides Arbeiten“ ist zum Schlagwort unserer Zeit geworden. Doch wie können Unternehmen diesen Begriff mit Leben füllen? Und welche Rolle spielt das Büro dabei? Darüber haben wir mit Trend- und Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern gesprochen, die im September eine Keynote auf der Belinked-Konferenz „Female Leaders" hält. 

Frau Horx-Strathern, in der Coronazeit haben sich die Bereiche Wohnen und Arbeiten vermischt. Was davon wird bleiben?

Die Menschen haben in den vergangenen Jahren ihren Lebensstil an die Pandemiesituation angepasst und sich Arbeitsecken in ihren Wohnungen eingerichtet. Für einige war das Homeoffice ein Nachteil. Aber für viele hat es Vorteile gebracht, vor allem dann, wenn sie vorher Arbeit und Privatleben schwer vereinbaren konnten. Der Begriff Work-Life-Balance ist mittlerweile ja schon altmodisch, man spricht eher von Work-Life-Blending, weil sich beide Bereiche stark vermischen. Das ist auch eine Folge der Arbeit im „Hoffice“. Ich verwende diesen Begriff gerne, weil darin auch die „Hoffnung“ steckt.

Wenn wir die hoffnungsvoll stimmende Seite des Homeoffice betrachten, sehen wir, dass viele Leute die Flexibilität genießen und nutzen, die das Arbeiten zu Hause mit sich bringt. Daher stellt sich die Frage, was wir davon beibehalten können. Viele Menschen möchten zumindest zwei oder drei Tage in der Woche zu Hause arbeiten. Das heißt, sie brauchen möglicherweise auch mehr Platz und nehmen sich, wenn das möglich ist, größere Wohnungen. Bei den jüngeren Menschen ist dieser Wunsch nach Flexibilität besonders ausgeprägt. Nach einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2021 würden 32 Prozent der 16- bis 34-Jährigen umziehen, wenn sie die Möglichkeit bekämen, dauerhaft im Homeoffice zu arbeiten.

Brauchen wir noch große Firmengebäude und Bürokomplexe, wenn die Menschen zunehmend zu Hause arbeiten?  

Wenn sich Unternehmen entschließen, ihren Mitarbeitenden diese Flexibilität zu geben, werden sie auch ihre Bürokonzepte überdenken. Entscheidend wird sein, ob die Führungsebene den Menschen vertraut. Denn ohne Vertrauen können flexible Arbeitsmodelle nicht funktionieren. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Unternehmen die Arbeit in Zukunft organisieren werden. Ich glaube, dass wir in dem Zuge ganz neue Rollen brauchen. Große Unternehmen werden Homeoffice-Manager brauchen, die den Beschäftigten helfen, ihre Arbeitsplätze zu Hause einzurichten. Dabei geht es um die Wahl der Büromöbel, um Ergonomie und um Unterstützung bei den Energiekosten. Auch Workation Management könnte ein eigenes Berufsbild werden, weil immer mehr Menschen Arbeit und Urlaub verbinden möchten. Für viele Managerinnen und Manager ist dieses Ausmaß an Flexibilität erschreckend. Sie haben das Gefühl, sie verlieren die Kontrolle. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Indem sie Flexibilität gewähren, bauen sie Vertrauen auf.

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf die Gestaltung der Büroräume? Hat das Großraumbüro noch eine Zukunft?

Ich glaube, die Entwicklung führt weg von Großraumbüros voller Einzelarbeitsplätze. Um die Menschen ins Büro zu locken, brauchen wir kommunikative Orte, die einen Austausch erleichtern. Interessanterweise versuchen einige Firmen jetzt zum Beispiel, Küchen in Bürogebäuden einzurichten, um Begegnung zu fördern. Denn in den vergangenen Jahren haben sich die Menschen daran gewöhnt, regelmäßiger zu kochen.  Ich habe mit einer großen PR-Firma in Wien gesprochen, die gerne wollte, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder mehr Zeit im Büro verbringen. Daher haben sie alle Beschäftigten als Baristas ausbilden lassen. Sie haben eine super Kaffeemaschine angeschafft und die Leute daran angelernt. Heute machen sich die Kolleginnen und Kollegen gegenseitig tollen Kaffee. Und es geht noch weiter: Das Büro liegt an einer großen Straße. Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt eine Pause machen, öffnen sie manchmal ein Fenster und bieten den Leuten, die vorbeigehen, Kaffee an. Sie probieren einfach ihre Skills aus. Das ist interessant. Denn der Firma ist es über die Barista-Ausbildung nicht nur gelungen, die Konnektivität im Büro zu stärken, sondern auch die Kontakte zur Nachbarschaft. Je mehr wir diese Verbindungen zwischen Menschen schaffen, desto eher können wir die Leute wieder ins Büro holen.

Zu viel Nähe könnte bei der nächsten Pandemie aber auch problematisch sein, oder? Viele Unternehmen haben Schreibtische auseinandergestellt und Plexiglaswände eingezogen. Werden wir einige Elemente davon beibehalten?  

Ich glaube, Firmen müssen jetzt flexibel reagieren. Denn vielleicht kommt tatsächlich noch eine Pandemie. Sinnvoll sind daher multifunktionale oder modulare Möbel, die sich leicht so umbauen lassen, dass man daran gemeinsam oder auch alleine arbeiten kann. Interessant finde ich, dass in der Pandemiezeit die Nachfrage nach gutem Design gestiegen ist. Denn die Menschen haben sich daran gewöhnt, zu Hause in einer gemütlichen Umgebung zu arbeiten. Sie haben sich alles schön eingerichtet in diesen Jahren – und möchten jetzt auch gerne eine angenehme Umgebung im Büro haben. Wenn wir also für die Beschäftigten attraktiv sein möchten, brauchen wir gutes Design.

Auffällig viele Unternehmen, die Büros neu einrichten, arbeiten mit Elementen aus der Natur: Mooswände, Massivholztische, begrünte Dachgärten: Weckt der Digitalisierungsschub die Sehnsucht nach der Natur?

Ja, absolut. Das ist dieses Phänomen des Trends und des Gegentrends. Je mehr Digitalisierung wir erleben, desto mehr schätzen wir das Analoge und Natürliche. Es geht darum, wie wir die digitale Welt ausgleichen und kompensieren können. Wir nennen das „Biophilia“. Wenn Pflanzen im Büro sind, beruhigt das beispielsweise – nicht nur optisch, sondern auch physisch.

„Die Digitalisierung ist eigentlich kein Trend, sondern nur ein Tool. Was wir brauchen, ist Konnektivität."

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Arbeitsgestaltung der Zukunft?

In den vergangenen Jahren haben wir vor allem gelernt, dass wir andere Menschen brauchen. Die Digitalisierung ist eigentlich kein Trend, sondern nur ein Tool. Was wir brauchen, ist Konnektivität. Offline miteinander zu kommunizieren, wird immer wichtig bleiben, und je digitalisierter wir arbeiten, desto mehr benötigen wir physische Kontakte. Ein großes Problem für die Zukunft wird sein, dass die Arbeitszeiten sehr asynchron sein können. Daher stellt sich die Frage, wie es uns gelingt, zusammenzukommen – privat und beruflich. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Generationen unterschiedliche Bedürfnisse haben – etwa bezogen auf Austausch, Rückzugsmöglichkeiten und Mobilität. Da wir immer länger leben, müssen die Modelle der Arbeitsorganisation auch auf die Vorstellungen von bis zu fünf Generationen Rücksicht nehmen. Andererseits müssen wir die Menschen auch zusammenbringen.

Da das Arbeiten auf Distanz weiterhin ein Thema bleiben wird, sollten wir außerdem lernen, offen über Einsamkeit zu reden. Das war im beruflichen Kontext lange ein Tabuthema. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben nicht zugegeben, wenn sie einsam waren. Aber durch die Pandemiezeit, in der einige zum ersten Mal Isolation erlebt haben, findet ein Umdenken statt. Wir müssen in den Unternehmen darüber sprechen, um Lösungen zu finden.

Interview: Bettina Geuenich

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