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Die beliebtesten Sackgassen ins Neue. Und wie wir wieder rauskommen.


Kolumne von Rainer Peraus.

 

Sackgasse #3: Wir tun so viel wie möglich und ergreifen jede realistische Chance, um den Wandel vorwärtszubringen. Leider geht es nicht so schnell.

Rainer Peraus

Wandel ist schwierig, anstrengend und kompliziert. Angeblich. Die gute Nachricht: Wir sorgen mit ausgefeilten Vermeidungsstrategien dafür, dass alles möglichst lang beim Alten bleibt. Gedankliche Sackgassen rund um Transformation und Erneuerung sind dafür beliebte Wege. Auf ihnen fühlen wir uns unterwegs und doch entsteht kaum Fortschritt. Wie Sie populäre Irrtümer erkennen und aus Sackgassen des Wandels herausfinden, beantwortet Rainer Peraus.

„Die Klimaerwärmung auf 2 Grad zu beschränken? Sie müssen verstehen, wir ergreifen jede Chance, die sich uns bietet. Doch als Führungskraft trage ich Verantwortung. Ich muss realistisch bleiben und abwägen, was möglich ist. Objektiv gesehen ist es leider schwierig und gefährlich, ambitioniert zu handeln. Ich wäre der Erste, der ins kalte Wasser springt!“

Klingt so Greenwashing, also der Versuch, bewusst zu täuschen, um Absolution für zögerliches Handeln zu erhalten? Betrügen wir, um Feigheit und Faulheit zu legitimieren? Meine Antwort: ein klares Jein und außerdem weder noch!

Nein, keine betrügerische Täuschung

Denn wir glauben die Geschichten selbst, die wir uns und anderen erzählen. Zum Beispiel, dass die Ressourcen oder Technologien für die Veränderung noch nicht ausreichen, der eigene Beitrag letztlich unbedeutend ist und jeder Schritt ins Ungewisse eine unnötige Gefährdung bedeutet. Aber auch, dass es unklug, ja fahrlässig wäre, den Sprung ins Unsichere zu wagen, wenn der Ort für die Landung noch im Nebel verborgen ist oder vielleicht gar nicht existiert. Fehlen doch die Erfahrungen jener, die lebend aus der Nummer rausgekommen sind.

Ähnlich ist es mit der Befürchtung, dass ein zu früher Schritt genügt, um die tödlichen Kugeln für andere abzufangen. Erster zu sein bedeutet nicht zwangsläufig die bessere Startposition für Erfolg zu haben. 

Ja, wir betrügen uns (und das ist gut so)

Um schonungslos konkret zu sein: Wir sorgen aktiv, wenn auch von uns selbst unbemerkt, für das Scheitern des Wandels. Dazu konstruieren wir Argumente, die wir für den erhofften Stillstand brauchen. Unsere Strategien der Verzögerung und Verdrängung bemerken wir natürlich nicht. Dürfen wir auch nicht, denn nur so gelingt es, das überlebensnotwendige seelische Gleichgewicht zu bewahren.

Wie im Prozess der Traumatisierung bieten das Verweigern adäquater Reaktionen und aktive Beschränken des Möglichkeitsraumes ein emotionales Bollwerk gegen überwältigende negative Emotionen. Wir betrügen uns also aus gutem Grund.

Um unsere Beunruhigung in Grenzen zu halten, erzeugen wir aktiv Befürchtungen, um die bisherige Ordnung zu beschützen. So wandeln wir mit Selbsttäuschungsstrategien unsere Ängste in rationale Furcht vor gedanklich besser beherrschbaren Problemen um.

Wir haben Angst

Unter den scheinbar rationalen Bedrohungen liegen die eigentlichen Beunruhiger, die „Core-Feelings“ (Luckner und Nadler, 1992), die wir keinesfalls erleben wollen. Dazu zählen Angst vor Kontrollverlust, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Status- und Anerkennungsverlust, Erniedrigung oder Verlust der Geborgenheit (auch im sozialen Gefüge eines Unternehmens) und letztlich die Angst vor dem Tod. Im übertragen Sinn geht es um das Ende der bisherigen Wirklichkeit und Identität, die echte Transformation immer bedeutet. Der Schritt aus der Komfortzone gelingt nur, wenn wir Wege finden, mit diesen Gefahren umzugehen. Andernfalls ist der emotionale Schutz ein Gebot der Vernunft.

Sabotage hilft

Der psychosoziale Werkzeugkasten, mit dem wir den Wandel vermeiden, ist bestens gefüllt. Oft hilft es, Fragestellungen konsequent zu übersehen, die auf epochalen Wandel hindeutet, oder Symptome des Übergangs mit alltäglichen Problemen zu verwechseln. Zur Verzögerung bewähren sich aufwändige Analysen und das gewissenhafte Abwägen von Alternativen, kombiniert mit dem Einsatz von Arbeitsgruppen, der Befragung von Experten, Praktikern und natürlich den Betroffenen. So lässt sich die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit auf null reduzieren. Das Beste daran ist, dass die Aktivitäten das beruhigende Gefühl hinterlassen, etwas getan zu haben.

Wenn gar nichts anderes mehr hilft, zensieren wir beunruhigende Gedanken. Die Tabuisierung bedrohlicher Wahrheiten hat viele Unternehmen aus dem Markt getrieben und füllt die Praxen von Therapeuten, die ihren Klienten behutsam helfen, ihre Augen wieder zu öffnen. Mit diesen persönlichen und soziale Fluchtmechanismen stellen wir sicher, dass wir den tiefen Ängsten nicht begegnen. Koste es was es wolle - und sei es das Leben. 

Wege aus den Parkgaragen und Sackgassen des Wandels

Im Wettlauf mit emotionalen Bedürfnissen verlieren sachliche Argumente und vernünftige Appelle immer. Noch schlimmer sind nur Lösungsvorschläge mit der Aussicht auf realistische Veränderung, die nur den nächsten Verweigerungsreflex auslösen. Was also tun? 

  • Schmunzeln Sie wohlwollend über Ihre Verhinderungsstrategien. Emotionaler Selbstschutz ist gesund und eine gute Basis, um sich lustvoll und selbstbewusst in Richtung einer neuen Zukunft auszustrecken.
  • Ihre Angst gehört Ihnen und nicht umgekehrt. Angst ist ein hilfreicher Diener, der Chef bleiben Sie. Angst verdient, so wie all unsere Helfer, Wertschätzung. Sparen Sie daher nicht mit Dank und Anerkennung.
  • Damit klar ist, wer hier die Hosen anhat, lächeln Sie Ihren Ängsten entgegen. Lächeln hat Superkraft, entkrampft und verringert die gedankliche Enge und emotionale Anspannung. “It’s only fear and nothing to worry about”.
  • Das Spiel mit Worst-Case-Szenarien macht Mut. Denn es hilft, den dunklen Schatten unsere Ängste gegenüberzutreten. Horrorfantasien verblassen schnell, werden sie ans Licht gezerrt.
  • Lassen Sie sich nicht von drängenden Problemen ablenken und damit den Möglichkeitsraum beschränken. Wandel oszilliert zwischen Angstvermeidung und der Sehnsucht nach den noch undeutlichen Küsten unserer Utopias. Probleme und rationale Argumente sind oft nur die anerkannten Vehikel emotionaler Bedürfnisse oder rührselige Abschiedsbriefe der jeweils zu Ende gehenden Ära.


Auf einen einfachen Nenner gebracht: Alles, was hilft, die Core-Feelings anders als durch den sonst nötigen Selbst- und Fremdbetrug zu befriedigen, führt direkt auf die Überholspur ins Neue. Transformation-Empowerment basiert daher stets auf Entängstigung und umfassender Ermächtigung, also dem Gefühl der emotionalen Sicherheit und der Überzeugung die Macht über das eigene Leben zu behalten.

Kontakt: Sie haben eine Frage zum Thema Transformation an Rainer Peraus? Dann schicken Sie diese an redaktion@personal-manager.at. 


Dieser Artikel stammt aus der Fachzeitschrift personal manager Ausgabe 3/2022 mit dem Schwerpunktthema: HR Tech

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