in heft 4/2007 für sie gelesen:


Peter Heimerl, Karin Brunnmayr-Grüneis, Karin Huber und Beatrice Pacher

Expedition statt Organisation

Organisationszukunft ermöglichen mittels Lernräumen, Organisationsaufstellungen und Großgruppenveranstaltungen
330 Seiten
38,50 Euro
ISBN: 978-3-258-07094-0
Verlag: http://www.haupt-verlag.ch


Rezensionen:



Barbara Oberhofer

Abteilung Sozialpolitik udn Gesundheit
Wirtschaftskammer Österreich
barbara.oberhofer@wko.at

Die Autoren des Buches „Expedition statt Organisation“ haben sich zum Ziel gesetzt, Un-ternehmen zu ermutigen, sich nicht länger nur zu „organisieren“ - in Form von Organigrammen, Kontrollsystemen und dergleichen - , sondern auch „Expeditionen“ zu starten, um neue Perspektiven, insbesondere in Hinblick auf neue Unternehmensziele oder die Organisationsentwicklung zu gewinnen. Unter „Expedition“ verstehen sie die „Urform des Lernens“, bei der das Wissen komplexer sozialer Systeme – speziell jenes der Mitarbeiter – genutzt wird.

Drei Formen dieser Expeditionen haben die Autoren empirisch untersucht – nämlich Großgruppenveranstaltungen, Organisationsaufstellungen und Lernräume. Sie führten persönliche Interviews mit Unternehmensvertretern. Darauf aufbauend beleuchten sie in ihrem Buch die Vor- und Nachteile der einzelnen Expeditionsformen. Sie geben konkrete Empfehlungen und Bewertungen für den Einsatz und Erfolg der Methoden, beispielsweise, indem sie die wichtigsten Parameter für die Wirksamkeit der Expeditionsräume beschreiben.

Großgruppenveranstaltungen, Organisationsaufstellungen und Lernräume finden erst langsam Eingang in die Unternehmensrealität, so dass dieses Buch einen ersten umfassenden Einblick in den praktischen Umgang mit solchen Lernformen gewährt.
Interessant ist insbesondere, dass dieses Buch die drei Expeditionsformen – soweit ersichtlich – erstmals mit dem Fokus auf österreichische Unternehmen beleuchtet, sodass Entscheidungsträger daraus wertvolle Hinweise und Anregungen für ihre eigene Unter-nehmensführung ziehen können.

Das Werk richtet sich laut Mitautor Peter Heimerl in erster Linie an „skeptische“ Manager, Change-Manager, Projektleiter und Berater. Es zeigt gerade den mit der Organisa-tionsentwicklung vertrauten Personen detailliert, welche der vorgestellten Expeditionsform sie zu welchem Zweck erfolgreich einsetzen können. Dieses Buch ist somit all jenen zu empfehlen, die solche Lernformen nutzen und Erfahrungswerte aus der österreichischen Unternehmensentwicklungslandschaft in ihre „Expeditions-Lernform“ integrieren möchten.


Praktischer Nutzwert: ***
Lesbarkeit / Schreibstil: ***
Verständlichkeit: ****
Gliederung / Übersichtlichkeit: **
Meine persönliche Empfehlung für Personalverantwortliche: ***



Franz J. Schweifer

Geschäftsführer
Schweifer & Partner OEG Coaching.Training.Consulting
office@schweifer-partner.at

„Expeditionen“ haben ein besonderes Fluidum: etwas von Unwägbarkeit, Entdeckung, Überraschung, Weite, Neugier, Neuland.Ganz so neu ist der Pfad nicht, den Herausgeber und Autoren durch die Weite der Organisations-(entwicklungs)-Landschaft begehen, wenngleich der Expeditionsbegriff im Zusammenhang mit OE tatsächlich noch wenig gängig ist. Aber es ist ein lohnender Versuch, bestimmte Zwischen-Räume für jene auszuleuchten, die diese Entdeckungsreise noch vor sich haben: skeptische Führungskräfte, Change-Manager, Projektleiter sowie „selbstredend deren Berater“, so das erklärte Ziel-Publikum des Buches.

Drei organisationale Lernräume stehen im Mittelpunkt dieser Gedanken-Expedition: Großgruppenveranstaltungen, Organisationsaufstellungen und Lern-Räume. Diese mehr oder weniger neuen Interventionskonzepte diskutieren die Autoren auf unterschiedlichen Theorieebenen und evaluieren ihren Nutzen aus Sicht der Klienten - bis hin zu konkreten Handlungsempfehlungen für die Praxis.

Wesentlich für das Verständnis: Der Denkansatz der „Lern-Expedition“ ist in ein systemisches OE-Verständnis eingebettet und beruht unter anderem auf dem Paradigma der Komplexität sozialer Systeme, die sich linearen Lenkungseingriffen entziehen. Nach diesem Denkansatz sind Interventionsprozesse nicht steuerbar und Kontrollverlust ein zulässiges, implizites Management-Phänomen. Deshalb stellen die Autoren das „Expeditions-Management“ systemischer Prägung dem Projekt-Management des „geplanten Wandels“ klassischer OE-Prägung gegenüber. Es geht um einen Perspektiv-Wechsel in der Handhabung von Management- und Veränderungsprozessen – insbesondere darum, „Vertrauen auf Selbstregelung“ zuzulassen und von der „Kontrolle der Außensteuerung“ abzulassen. Ein „wahrer Leader“, der Führungshandeln stets als Handeln unter Unsicherheit begreift, werde zum „idealen Expeditionsleiter“, so Herausgeber P. Heimerl.

Einige lohnenden Momente bei der Lektüre:
- die Verknüpfung von theoretisch-methodischen Elementen mit empirisch-praktischen, handlungsrelevanten Anteilen
- ein Buch, das die Klientensicht hereinholt und damit für (künftige) „Expeditions-Leader“ und „Mitreisende“umso interessanter wird.
- ein engagierter Mutmacher zu „Leadership statt Machertum“ und „Neugier statt Planerfüllung“

Einige kritische Momente:
- In manchen Passagen verheddern sich die Autoren unnötig in einer systemtheoretischen Kunstsprache, die zwar Insidern kaum Probleme macht, aber die Frage nach der Anschlussfähigkeit für andere Neugierige aufwirft
- Noch mehr Widerspruch und kritischer Diskurs der drei untersuchten Interventions-Konzepte hätten der Objektivität gut getan, um den möglichen Eindruck von Selbstbestätigung beziehungsweise Selbstreferenz zu egalisieren.

Fazit:
Ein Buch, das sich wohltuend von anderen abhebt, da es kein neues OE-Dogma proklamiert, sondern – im Gegenteil zum polarisierenden Titel des Buches – selbstkritisch resümiert, Organisation und Expedition bräuchten einander, denn „Lernräume sterben, wenn sie sich von den Strukturen isolieren“. Etwas weniger „systemisch-konstruktivistischer Sprachdunst“ hätte dem Buch gut getan und es mehr für „System-Fremde“ geöffnet. In jedem Fall ist es ein anregendes Buch zum „verrückten“ Andenken und Querdenken, ganz im Sinne H. v. Foersters „Eins plus eins ist grün.“


Praktischer Nutzwert: ***
Lesbarkeit / Schreibstil: ***
Verständlichkeit: ****
Gliederung / Übersichtlichkeit: ****
Meine persönliche Empfehlung für Personalverantwortliche: ***