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in heft 1/2006 für sie gelesen:


Malcom Gladwell

Blink!

Die Macht des Moments
264 Seiten
24,90
ISBN: 3-593-37779-9
Verlag: http://www.campus.de


Rezensionen:



Kurt Seipel

Selbstständiger Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologe
AWO-Psychologie GbR
info@awo-psychologie.com

Malcolm Gladwell weist in seinem Buch in vielen illustren Geschichten auf die Möglichkeiten hin, die sich ergeben, wenn wir auf unser rationales Denken verzichten und intuitiv zu Ent-scheidungen gelangen. Sie seien unmittelbarer und den Dingen angemessener, impulsiver und gleichzeitig der jeweiligen Sache gerechter werdend. Dafür führt er – typisch amerika-nisch – viele Beispiele an, die unter anderem aus der Kunst, aus Glücksspielen, aus Perso-nenbewertungen, aus dem Sport, aus militärischen Strategiespielen oder der Musik stam-men. Was allerdings am Ende seines Buches fehlt, sind Aussagen darüber, wie wir mit der dargestellten Form der Intuition umgehen sollen, in welchen Bereiche sie eher wirkt und in welchen eher nicht.

Die im Buch beschriebenen Studien von John Gottmann, der nach relativ kurzer Zeit vorher-sagen kann, ob eine Paarbeziehung über lange Jahre Bestand haben wird, oder jene von Paul Ekman, der eine Taxonomie des menschlichen Gesichts entwickelte, zeigen, dass Intui-tion nicht „frei“ entsteht, sondern dass sie sich auf der Basis umfangreichen Wissens und der damit verbundenen Recherchen entwickeln kann. Die angeführten Untersuchungen basieren auf der Arbeit von Spezialisten, die auf Grundlage ihres Wissens neue Zusammenhänge entdecken. Sie sind eigentlich nicht neu – interessant ist jedoch die Darstellung und der Mix der Beispiele durch Malcom Gladwell.

Erhellend ist zum Beispiel seine Darstellung des diagnostischen Verhaltens von Ärzten in einem Chicagoer Krankenhaus. Bei Verdacht auf Herzinfarkt folgen sie einem Algorithmus, der im Wesentlichen aus einer Reduktion von Daten besteht. Anstatt eine Vielzahl von Daten zu gewinnen, folgen sie einem Modell, das einige wenige Indikatoren für die Einweisung in die Intensivstation vorsieht. Malcolm Gladwell nennt das „Scheibchen schneiden“ - weniger ist also mehr. Das gilt auch für seine Beschreibung eines militärischen Planspiels, bei dem ein fiktiver flexibler Gegner über die nach komplexen Plänen vorgehenden Gruppen trium-phiert. Hier sei an Friedrich Dürrenmatt erinnert, der sinngemäß meinte: Je sorgfältiger Men-schen planen, umso wirkungsvoller trifft sie der Zufall.

Die Beispiele, die Gladwell anführt, könnten den Leser dazu verführen, zu sagen: „Wieso soll ich die Dinge sorgfältig abwägen? Ich verlasse mich lieber auf meine Intuition.“ Das ist ein Irrtum, auf den Gladwell meines Erachtens nach zu wenig eingeht. Alle angeführten Beispie-le stammen aus Kontexten, die ein hohes Maß an Kontrolle und Wissenschaftlichkeit ermög-lichen. Allen ist gemein, dass Planung, Beschreibung, Erklärung und Prognose eine wichtige Rolle gespielt haben – also die Fundamente kritisch-rationalen Denkens. Wer eine Metatheo-rie sucht, wer Intuition „verwenden“ beziehungsweise konkret nutzen möchte, wird eher ent-täuscht sein, denn es gibt keine Anleitung dazu. Für jemanden, der Geschichten über Intuiti-on erfahren möchte, um sie zu illustrieren, sie weiter zu geben, zum Beispiel in Seminaren, ist Gladwells Buch gut geeignet; er wird sie in reichem Ausmaß finden.


praktischer Nutzen: ****
Lesbarkeit / Schreibstil: ****
Verständlichkeit: ***
Gliederung / Übersichtlichkeit: ***
Meine persönliche Empfehlung für Personalverantwortliche: ***



Christine Gsur
Bodywork - Systemisches Coaching
christine.gsur@bodywork.at

In seinem Buch „Blink – die Macht des Moments“ erläutert Malcolm Gladwell auf 246 Seiten, was im Bewusstsein eines Menschen in den ersten zwei Sekunden, in denen er etwas wahrnimmt, abläuft. Er versucht seine Leser sehr anschaulich davon zu überzeugen, dass es Sinn macht, diesen ersten Sekunden Aufmerksamkeit zu schenken. Denn sie haben, laut Gladwell, bewusst und unbewusst, großen Einfluss auf unser tagtägliches Leben. Gladwell erläutert seine These anhand von unterschiedlichen Beispielen aus Kunst, Gehirnforschung und Kriegsführung.

Das Buch lässt sich leicht und flüssig lesen. Sein Autor versucht wissenschaftlich nachzuweisen, dass in vielen Fällen weniger Wissenschaft mehr ist. Er lenkt die Aufmerksamkeit der Leser weg vom „großen Ganzen“ hin zur Fokussierung auf das Detail, das den Unterscheid macht. Dabei verfolgt er drei grundlegende Anliegen:

1) Gladwell möchte den Leser davon überzeugen, dass Entscheidungen, die sehr schnell gefällt wurden, genauso gut sein können, wie jene Entscheidungen, die auf Basis langwieriger Prozesse getroffen wurden.
2) Weiters versucht er darzulegen, wie man zwischen vorurteilsgeprägten Spontanurteilen und reinem, intuitivem Wissen unterscheiden kann.
3) Schlussendlich ist es Gladwells wichtigstes Anliegen darzustellen, wie man Spontanurteile und den ersten Eindruck verfeinern und für sich nützen kann.

Anhand vieler interessanter Details weckt Gladwell Vertrauen in die Funktion der Intuition. Zugleich stellt er klar, dass wir einige Verzerrungen in der Wahrnehmung verringern können, wenn wir uns mit unseren eigenen Vorurteilen auseinander setzen.

So ganz unbeeinflusst von der eigenen Erziehung und persönlichen Lebenserfahrung können wir jedoch nicht an Themen herangehen. Nicht umsonst wurden viele Testverfahren extra zu dem Zweck entwickelt, bei Personalentscheidungen eine betont rationale Herangehensweise zu ermöglichen.

Ich stimme daher grundsätzlich mit dem Autor darin überein, dass in unserer „verkopften“ Welt mehr Beachtung der Intuition sehr hilfreich und bereichernd sein könnte. Doch gleichzeitig befürchte ich, dass der hektische Alltag den Zugang dorthin schon sehr tief verschüttet hat, und dieses Buch kann ihn aus meiner Sicht nicht ausreichend freilegen.

Alles in allem ist das Buch eine angenehme Abendlektüre. Es enthält viele wissenswerte Aspekten gibt gute Denkanstöße. Als praktisch umsetzbarer Ratgeber ist es dagegen eher ungeeignet.


praktischer Nutzen: ***
Lesbarkeit / Schreibstil: *****
Verständlichkeit: *****
Gliederung / Übersichtlichkeit: ***
Meine persönliche Empfehlung für Personalverantwortliche: **